Da Bleamehof

Die als Pliemelhof bezeichnete Einbuchtung am Südufer der Donau bei Niedrigwasser. (Foto W. P.)

Wieso "Bleame"?

Die Wackersteiner Fischer fahren heut noch "zum Bleamehof ´nüber" und versuchen ihr Anglerglück im Bereich der Mündung des Altwasserarmes auf der gegenüberliegenden (südlichen) Donauseite, etwa 100m unterhalb des Schlosses. Als Bub erhielt ich auf die Frage nach dem Ursprung des Wortes (wieso "Bleame?") als Antwort nur Achselzucken und erst auf weiteres Drängen die Mutmaßung: "siehg´sd de Bleame, vielleicht kimmts da her". Gedeutet wurde auf die damals dort wuchernden gelben Wasserblumen.

Der Pliemel-Hof

Später wusste dann einer zu erzählen, dass dort wohl früher ein Bauernhof drüben war. Weiter, dass die Wackersteiner Schlossherren auch auf der anderen Seite Besitzungen hatten und sich die Wackersteiner Flur daher auch heute noch weit auf der südlichen Donauseite ausbreitet. Plötzlich tauchten alte Karten auf, dort war tatsächlich ein Pliemelhof (oder P(B?)liemblhof?) eingezeichnet.

Der eingangs erwähnte Altwasserarm war bis kurz nach dem Krieg der Einlauf der Kleinen Donau, der zwecks Hochwasserschutzmaßnahmen bis zur Pförringer Donaubrücke verlegt wurde und noch früher mutmaßlich bereits gegenüber Dünzing in die Donau mündete. Dieser Altwasserarm markiert auch die alten Flurgrenzen: Aufwärts die Vohburger Flur, abwärts die Wackersteiner Flur. Letztere erstreckt sich weit hinter den Donaudamm (Katzau) und ein riesiges Gebiet hinter dem Damm steht als "Blümelwiesen" in den Flurkarten.

Vom gesprochenen Bleame oder Bleamal/Bleaml zum geschriebenen Pliemel ist es nicht weit (Duden gab es noch lang keinen), aber meiner Meinung nach sind ursprünglicher Sinn und Aussprache von "Pliemel" mit dem Hof verloren gegangen und haben sich nur wegen einer klanglichen Ähnlichkeit zu "Bleame" gewandelt.

Ein Hof mitten in der Schütt (Schied)!?

Unvorstellbar: die Stelle, an der der Hof gestanden haben soll, ist heutzutage nur sauberen Fußes erreichbar, wenn es entweder gefroren ist, oder länger schon nicht mehr geregnet hat. Ansonsten ist der Boden  rundum tief, "bazzig", ja stellenweise fast moorastig und überhaupt mehrmals im Jahr überschwemmt! Aber halt: all die Karten mit dem Pliemel-Hof drauf sind aus der Zeit vor dem Verbau der Donau, die Karten, die bei der Flussbegradigung (wohl Anfang d. 19. Jhdts.) gezeichnet worden waren, enthalten die Hofstelle bereits nicht mehr!

Also: zur Zeit des Pliemel-Hofes gab es keine Dämme. Die Donau war alten Karten nach in mehrere Arme aufgeteilt, die sich durch Materialbewegungen, z. B. bei Hochwasser oder Eisstoß, auch umbildeten und wohl über eine Auenlandschaft von bis zu mehreren hundert Metern Breite erstreckten.

Wir erinnern uns: beim Pfingsthochwasser 1999 brach der Damm in Neustadt, die Überschwemmung reichte weit ins Hinterland, aber auch bis nach Gaden rauf war alles unter Wasser. Fast alles: Giesenau ragte wie eine Insel aus den Fluten, obwohl nur unmerklich höher gelegen!

Daraus ergibt sich ein Bild: der Pliemelhof, vielleicht zwischen der Donau und der Kleinen Donau, auf leicht erhöhtem Grund, bei Hochwasser (das nicht so hoch war, weil nicht durch Dämme eingeengt) aus einer weiten Wasserfläche ragend. Sicher gab es auch Pegelstände, die dem Hof Schaden zugefügt haben, vielleicht bedeutete das außergewöhnliche Hochwasser gegen Ende des 18. Jhdrts. für den Hof das Ende, dazu weiter unten mehr.

Aber: wo ist der "erhöhte Grund", wo Hofreste? Die begradigte und  eingeengte Donau hat bei Hochwasser Pegel und Fließgeschwindigkeiten von vorher unbekanntem Niveau und hat - so die Vermutung - alles weggespült, was zwischen den Dämmen im Weg war ...

Mittelalterliche Steuererklärung

Anfang 2001 erreichte den Redakteur eine e-Mail von Josef Wolfsfellner aus Pförring mit einer Abschrift aus dem Regensburger Anzeiger. Es ist unglaublich, aber es ist bis auf den letzten "Bifing" bekannt, wie groß das Pliemel-Anwesen im Laufe der Jahrhunderte war! Und das 200 Jahre nach dem  vermuteten Untergang des historisch sicher unbedeutenden Hofes. Wer sollte sich die Mühe gemacht haben, das alles aufzuschreiben? Steuerbeamte! Weltliche und geistliche Landesherren ließen exakte Aufstellungen über ihre Besitztümer anfertigen, als Basis für die Abgaben, die sie von den Lehennehmern fordern konnten. Diese wiederum haben versucht, ihre Besitztümer nach unten zu korrigieren, damit der Zehnt geringer ausfiel. Aus einer dieser "Steuererklärungen" geht auch der Untergang des Pliemel-Hofes hervor.

Hier zunächst die Angaben von H. Wolfsfellner zum Ursprung des Artikels, unten dann im vollständigen Wortlaut dessen Abschrift:

"Das ist eine Abschrift aus dem Regensburger Anzeiger, etwa 1930. Nach meiner Meinung ist der Pliemblhof im Februar 1784 oder 1789 bei dem größten Hochwassern des 18. Jahrhunderts vernichtet worden. J. M. Sailer schrieb über diese Katastrophe ein Buch.
Josef Wolfsfellner Pförring."

Die Donau verschlang einen alten Bauernhof

Das Schicksal des Pliemblhofs bei Pförring

So die Überschrift des Artikels, dass dieser den Pliemelhof mit Pförring in Verbindung bringt, liegt wohl an der Perspektive des Regensburger Verfassers.

Auch damals war der Pliemelhof nur noch aus der Erzählung bekannt: "... alte Leute ... erzählen, dass sie bei niedrigem Wasserstand noch Mauerreste, ... einen Brunnen und Obstbäume gesehen haben." Dann müsste der Hof nach dem Donauausbau im Flussbett gelegen haben (sonnst macht das mit dem niedrigen Wasserstand keinen Sinn), andererseits der Brunnen und der an anderer Stelle aufgeführte Keller direkt am Wasser? Da ist wohl einiges falsch zusammengereimt worden. Auch die alten Karten zeigen den Pliemelhof deutlich von der Donau abgerückt. Aber weiter im Artikel.

Der "... Hof" gehörte "... den Schlossherrn zu Wackerstein zu Erbrecht...", war "... an das Domkapitel zu Regensburg zehnpflichtig, ... hieß im 16. Jahrhundert ... Gleisser Hof oder ... Aynbergerhof. ... 1529 gehörte der Hof mit Vogteiobrigkeit, Scharwerch und hofmarklichen Unterwürfigkeit zum Schloss Wackerstein." Die Hofbeschreibung damals: "Eine von Holz erbaute Behausung mit Stuben, Flöz, Kammer; oben ist ein Boden. Alles ist mit Schindeln eingedeckt. Im Hof ist ein mit eingedeckter und von Holz erbauter Stadel, ein großer Schöpfbrunnen, der Pachofen (= Backofen), ein schöner Garten, darin ein Acker mit 29 Pifang. In dießem Garten stehen viel fruchtbar Apfel-, Pürn- und Weixlpaum." Dem Hof geörten: "auf dem Feldt gegen Dinzing 165 Pifang (= 9 Äcker), auf dem Feldt gegen Wackerstein 109 Pifang (= 11 Äcker), auf dem Feldt am Hartheimerweg 133 Pifang (= 13 Äcker)."

"... eine Hofbeschreibung v. 20.XI. 1663" notiert: "Veldt gegen Tintzing 25 ägger (518½ Pifan), Veldt gegen Wackerstein 23 ägger (623 Pifang), Veldt am Harthamerweg 22 ägger (364 Pifang). Das Haus, .... ist ain wohl erpaute gantze gemauerte Behausung mit einfachen Zieglen eigedeckt und gegrädt; darin ain Roßstall, Keller und die notdürftigen Zimmer. Im Hof ist "ein mit Holz erpauter, zweygadiger mit Stroh eingedeckter Stadl, darin Khüe-, Schaff- und Schweinestall". Weiter "ain mit Stroh eingedeckter Schupfn und gemauert Pach- und Waschhaus". In der Hofmitte "ein mit Schindl gedeckter Taubenschlag". Umgeben war der Hof mit "ainem steckhen Zaun, darin ain kleines gärtl ist, ...". Ein weiter Garten war hinter dem Haus, "darin ein Schepfbrunnen und ein gabes Ackerl" (= Krautacker).

Die nächste Nachricht lesen wir "im Verkaufsbrief der Hofmark Wackerstein am 7. Januar 1729. Um 90 000 rheinische Gulden wechselte der Wackersteiner Besitz vom bayerischen Generalfeldmarschalls Lothar Freiherr von Weikhel an den Kurfürsten Karl Albrecht von Bayern über. Der Pliemblhof war damals 5000 Gulden wert, die vor wenigen Jahren angekauften Äcker 300 Gulden. Dem Verkaufsvertrag ist auch ein Verzeichnis des Viehes beigelegt, das im Pauhof (= Sedlhof) und im Pliemplhof vorhanden war. Auf letzterem waren: "3 alte und junge Springochsen, 13 Kühe, 13 kalben Rindt (= Jungrinder), 8 schindtling oder junge öxl, so zum Schieben hergezigdt werden, 8 jährige Kälber, 6 Schiebochsen, 4 junge stückhel nebst einigen Geflügelwerch."

Bald darauf muss ein fast 100 Jahre lang dauernder Zehentstreit (1732 bis 1821) entbrannt sein, es ging um je 6 Schaff Korn und Weizen. Die Chronisten berichten über schwere Zeiten: "1739 und 1740 vernichteten schwere Hagelschläge die ganze Ernte. Im österreichischen Erbfolgekrieg (1740—48) schlug der bayerische Graf Töring sein Hauptquartier in Pförring auf, während seine Truppen in der Umgebung lagen. 1745 wurde schließlich Wackerstein von den Österreichern erobert. In dieser Zeit wütete auch die Pest, der 1742 der Pfarrer und Kooperator von Vohburg zum Opfer fielen. Auch im ersten Koalitionskrieg (1792—97) wurde die Gegend um Wackerstein wieder zum Kriegsschauplatz und den Ortschaften Dünzing, Vohburg und Wackerstein wurden schwere Kriegskontributionen von den Franzosen auferlegt. Auch in den folgenden Jahren musste Wackerstein oft die Kriegsgeißel verspüren. Dazwischen gab es dann wieder katastrophale Missernten und 1784 eine furchtbare Viehseuche."

Auch die Artikelschreiben können über den Untergang des Hofes aber nur mutmassen: "Ob der Pliemblhof vielleicht infolge dieser Zeitereignisse oder durch fortgesetzte Überschwemmungen eingegangen ist, ist nicht bekannt." Die "Steuererklärung" vom damalige Besitzer von Wackerstein, Freiherr von Jordan, vom 4. Dezember 1817, zieht dann plötzlich einen Schlussstrich. Er teilte dem Regensburger Domkapitel, wohin ja der Pliemblhof zehentpflichtig war, mit, dass dieser Hof seit Jahren nicht mehr besteht, weil die kleine Donau sich über ihm ergossen habe. Die Zehentschuld wurde darum ermäßigt, ebenso die Laudemien.

Zum Schluss berichtet der Artikel noch von einem "anderen abgegangenen Wackersteiner Hof" dem "1770 erwähnte Weckerhof, der zum Kloster St. Emmeran in Regensburg gehörte, jedoch an das Kloster Scheyern zehentpflichtig war. Von diesem Hof ist bei den älteren Leuten jede Erinnerung geschwunden. Sein Name, seine Größe und Bedeutung ist uns nur mehr aus Urkunden bekannt."

Anmerkungen

Wenn der Freiherr von Jordan schreibt "...weil die kleine Donau sich über ihm (dem Pliemelhof) ergossen habe ...", hatte er seine Abgaben im Kopf - nicht die exakte Beschreibung des historischen Ablaufes. Andererseits fällt einem da sofort das Hochwasser 1994 ein, damals hatte ein kleiner Bach Vohburg bis auf den Ortskern unter Wasser gesetzt.

Und noch eine Theorie

Der Hof könnte aber auch hinter dem heutigen Verlauf von Damm und Kleiner Donau, im Bereich der Blümelwiese gelegen haben.

Vielleicht lässt sich das eine oder andere noch aufklären? Ich freue mich über jeden Hinweis zum Pliemelhof, e-Mail siehe Impressum.